Auf ein (Un)Wort – Gutmensch

Nachdem wir im letzten Post dieser Reihe über das Wort des Jahres 2015 berichtet haben, soll es hier nun um das Unwort des Jahres gehen.

Am Dienstag gab die Jury dieser sprachkritischen Aktion bekannt, dass „Gutmensch“ zu den häufigsten Vorschlägen gehörte, die bis zum 31.12.2015 eingesandt wurden. Das Unwort des Jahres 2015 war gefunden. In der Begründung heißt es, in der heute gebräuchlichen Bedeutung des Begriffs „werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm oder weltfremdes Helfersyndrom diffamiert.“ Wann sind diese positiven Attribute in unserer Gesellschaft zum Schimpfwort verkommen? Ein Blick auf die Wortherkunft gibt vielleicht Aufschluss:

Erstmalig in der Öffentlichkeit aufgetaucht ist der Begriff in dem satirischen Wörterbuch des Gutmenschen. Zur Kritik der moralisch korrekten Schaumsprache.“ von Klaus Bittermann und Gerhard Henschel. Mitte der 90er Jahre erschienen, wurde hierin als Gutmensch bezeichnet, wer sich politisch ganz links engagierte und entsprechend dieser Gesinnung für soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Umweltschutz und das Gute in dieser Welt einsetzte. Soweit nicht wirklich schlimm. Worüber Bittermann, Henschel und Co. jedoch spotteten, war der Umstand, dass diese Gesinnung nur allzu oft als die einzig korrekte Ideologie proklamiert wurde. Da wurde das Festhalten an althergebrachten Strukturen in der Nachwendezeit als „Mauern im Kopf“ bezeichnet, die es abzureißen galt und Kritik an Gastarbeitern und Einwanderungspolitik verhallten unter „Mein Freund ist Ausländer“-Rufen. Andere Ansichten und Werte wurden als ethisch oder moralisch verwerflich abgetan, eine offene Diskussion in Sinne der Meinungsvielfalt mit dem moralisch wertenden Hammer niedergemacht, noch bevor sie in Gang kommen konnte.

Was einst als satirische Glosse begann, ist inzwischen zu einem meist rechtspopulistisch gebrauchten Begriff herangewachsen, der mit oben zitierter Bedeutung in der gegenwärtigen Flüchtlingsthematik die Not der Asylsuchenden abwertet und als nichtig darstellt. Wer „Gutmensch“ in dieser Bedeutung nutzt, macht sich genau dessen schuldig, was ursprünglich einem Gutmenschen angekreidet wurde: der Alleinherrschaftsanspruch über Sinn und Unsinn, richtig und falsch, gut und schlecht. Dialogbereitschaft: Fehlanzeige. Menschen, die „Gutmensch“ als Schimpfwort benutzen, heben sich daher nicht sehr von denen ab, die ursprünglich (!) als solche betitelt wurden. Bei beiden geht es um Intoleranz, Gleichmacherei und die Diffamierung Andersdenkender.

Die Anmaßung, allein zu entscheiden, was gut und was schlecht ist, und diese Ansicht mit allen Mitteln durchsetzen zu wollen, ist jedoch nicht allein auf politische Aktivisten beschränkt. Sie wird vielerorts auch Anhängern missionierender Glaubensrichtungen vorgeworfen, die in ihrer Religion den einzig wahren Weg der Erlösung sehen und Nicht- oder Andersgläubige als weniger wertvoll oder unvollkommen betrachten.

 

15.01.2016 Nachtrag: Wie verschiedene Medien verlauten lassen, haben sich die Toten Hosen bereits Ende 2014 die Rechte an „Gutmensch“ gesichert. „Um die Deutungshoheit zurückzugewinnen, hatten wir den Einfall, das Wort als Marke eintragen zu lassen“, erklärte Patrick Orth, Geschäftsführer des Labels JPK. Mit dem Erlös der „Gutmensch – no one likes us. we don’t care“-Shirts werden nun gemeinnützige Projekte unterstützt, wie die RAA Sachsen Opferberatung, die Betroffenen rechtsmotivierter und rassistischer Gewalt helfen.