Hingehört #BTW21 – Social Listening zur Bundestagswahl 2021: Gendergerechte Sprache

Hingehört #BTW21 – Social Listening zur Bundestagswahl 2021: Gendergerechte Sprache

In unserer Reihe „Social Listening zur Bundestagswahl 2021“ analysieren wir Kernthemen des Wahlkampfs, die Positionierungen der Parteien und Spitzenkandidat:innen sowie die öffentliche Debatte auf Twitter. In dieser Ausgabe haben wir eine etwas andere Perspektive eingenommen und kein typisches politisches Kernthema von Wahlprogrammen gewählt. Ein Reizthema ist es nichtsdestotrotz: gendergerechte Sprache. Die Analyse bezieht sich nicht rein auf den politischen Debattenkanal Twitter, sondern umfasst Medien allgemein.

Ein Fazit vorweg: Gendern ist über den Sommer zu einem Wahlkampfthema in den Medien geworden. Sowohl nationale Medien wie die Süddeutsche Zeitung, der Tagesspiegel und der Spiegel, als auch regionale Zeitungen wie das Hamburger Abendblatt haben Gendern zum Wahlkampfthema ernannt. So wurde gendergerechte Sprache „zu einem der wichtigen Nebenkriegsschauplätze in diesem Wahlkampf“ eingeschätzt und als „Reizthema“ und „Renner des Wahlkampfs“ bezeichnet.

Auch auf Twitter ist gendergerechte Sprache Teil des Diskurses zur Bundestagswahl. Im Zeitraum unserer Analyse (19.07.-17.08.2021) gab es 6.500 Beiträge zu diesem Thema. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum wurde Gesundheitspolitik in nur 4.500 Beiträgen diskutiert. Einer der Posts mit dem meisten Engagement in dem untersuchten Zeitraum nennt Gendern sogar als ausschlaggebenden Grund eine Partei nicht zu wählen. Ob scherzhaft oder ernst gemeint: Es zeigt, wie präsent gendergerechte Sprache innerhalb der Wahlkampfthemen geworden ist.

Gendergerechte Sprache

Es ist allerdings erstaunlich, dass keiner der 6.500 Beiträge auf Twitter von den Parteien und deren Spitzenkandidat:innen stammen. Ist Gendern also wirklich politisches Programm?

 

Ploß (CDU) für ein Genderverbot in staatlichen Einrichtungen

Gendergerechte Sprache, auch geschlechtergerechte Sprache oder Gendern genannt, ist eine langanhaltende gesellschaftliche und politische Diskussion. Spätestens seit der Rat der deutschen Rechtschreibung Ende März verdeutlicht hat, von einer Aufnahme des Gendersterns (Autor*in), des Gerndergaps (Autor_in) oder des Doppelpunkts (Autor:in) in das amtliche Regelwerk erst einmal abzusehen, ist die Debatte erneut aufgeflammt.

Wenige Wochen später wurde sie angestachelt vom Hamburger CDU-Chef Christoph Ploß, der das Verbot von geschlechtergerechter Sprache in staatlichen Einrichtungen forderte. In einem Interview mit dem Spiegel betonte Ploß, er setze sich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ein und für eine Sprache, die zusammenführe. „Daher wehre ich mich dagegen, dass […] in staatlichen Einrichtungen eine grammatisch falsche, künstliche und ideologisch motivierte Gendersprache verwendet wird, die ständig das Trennende betont“. Zusätzlich fügt er hinzu, dass „dieser Punkt Eingang in das gemeinsame Regierungsprogramm von CDU und CSU finden [sollte]“. Da war sie plötzlich: die gendergerechte Sprache mitten im Bundestagswahlkampf 2021.

Die breite Kritik anderer Parteien, u. a. von SPD-Chefin Saskia Esken und dem FDP-Spitzenkandidaten Christian Lindner, wurde in der medialen Berichterstattung als Problempunkt für Koalitionsverhandlungen aufgegriffen. „Koalitionsverhandlungen dürfte das nicht leichter machen“, erklärte der Spiegel.

Weitere Medien unterstützten diese Einschätzung. „Spätestens seitdem Unionspolitiker das Gendern attackieren, ist der Streit um Geschlechter-Asterisken und Binnen-I ein Wahlkampfthema“, erklären die Autor:innen der Süddeutschen Zeitung Peter Fahrenholz und Katharina Riehl. Ähnlich sehen das ihre Kolleg:innen des Hamburger Abendblatt.

 

Gendergerechte Sprache kein Thema in den Wahlprogrammen

Rund einen Monat später verabschiedete die CDU/CSU ihr Wahlprogramm – ohne das Verbot von gendergerechter Sprache in staatlichen Einrichtungen. Auch in den Wahlprogrammen der Parteien SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP und DIE LINKE kann man mit den Schlagwörtern „Gender“, „gendern“, „gendergerechte“, „geschlechtergerechte“ und „Sprache“ keine Programmpunkte zu gendergerechter Sprache finden. Vielmehr findet man politische Programmpunkte rund um Themen wie Gender-pay-Gap, Gender-Care-Gap, Gender Budgeting, Gleichberechtigung, verständliche Sprache oder die Relevanz von Spracherhalt und Sprachunterricht. Laut der Wahlprogramme der Parteien scheint genderegerechte Sprache kein politisches Programm für die Bundestagswahl 2021 zu sein.

 

Sommerinterview mit Janine Wissler: Differenzen innerhalb der DIE LINKEN

Nach Ploß‘ gescheitertem Vorstoß, Gendern in staatlichen Einrichtungen zu verbieten, wurde das Thema besonders mit Politiker:innen von DIE LINKEN verbunden. Bereits im Oktober vergangenen Jahres hatte sich Sahra Wagenknecht kritisch zu ihrer eigenen Partei geäußert: „Statt um soziale Ungleichheit, Armutslöhne und niedrige Renten drehen sich linke Debatten heute oft um Sprachsensibilitäten, Gendersternchen und Lifestyle-Fragen“, sagte die ehemalige Fraktionsvorsitzende dem Tagesspiegel. Diese Kritik wurde mit der Veröffentlichung ihres Buches im Frühjahr dieses Jahres erneut angestoßen. Die Debatte war Anlass zu einer Frage im ZDF-Sommerinterview mit Co-Spitzenkandidatin der DIE LINKEN Janine Wissler. Hier fällt auf, dass aus Wagenknechts Aussagen, die sogenannte „Lifestyle-Linken“ insgesamt kritisierten, die Fragen der Journalistin sich allein auf das Gendern bezogen. Die nachgelagerte Berichterstattung zu diesem Interview fokussierte sich ebenfalls größtenteils auf die Thematik Gendern. In der Nachrichtensendung ZDF Heute wurde beispielsweise alleinig von den Aussagen zur gendergerechten Sprache berichtet.

Zuletzt rückte das Wahlkampfthema „Gendern“ in den Mittelpunkt nach einem Interview von Annalena Baerbock, Bündnis 90/Die Grünen, mit dem Tagesspiegel vom 31. Juli 2021. Sie erklärte, dass sie bei einem Wahlerfolg auf gendergerechte Sprache in Gesetzestexten achten wolle. „Ich will Politik für alle Menschen machen und das bedeutet, auch alle mit anzusprechen – und nicht nur mitzumeinen„. Damit hat Baerbock Gendern zum Teil ihrer politischen Agenda gemacht. Obwohl Baerbock im selben Interview Fehler ihrer Wahlkampfführung eingestand und Themen wie Einschränkungen für Ungeimpfte thematisierte, lag der Fokus der folgenden Berichterstattung wie schon bei dem Sommerinterview mit Wissler primär auf Baerbocks Aussage zur gendergerechten Sprache.

 

Gendergerechte Sprache polarisiert

Wieso fokussieren sich die Medien so auf gendergerechte Sprache? Gendergerechte Sprache ist definitiv ein polarisierendes Thema: Sternchen, Doppelpunkt, Unterstrich? Selbst bei dem Thema, ob gendergerechte Sprache ein Wahlkampfthema sein soll, spaltet sich die Bevölkerung. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage des in Erfurt ansässigen Meinungsforschungsinstituts „INSA Consulere“: Eine relative Mehrheit von 38% ist dagegen und 30% sind dafür.

Allerdings gibt es mit der Corona-Politik, der Frage nach Freiheitsrechten oder dem Thema Klimaschutz weitere drängende Fragen, auf die es politische Antworten braucht. Klimaschutz bestimmt in unserem Social Listening zwar die Mehrheit der politischen Beiträge auf Twitter, bislang nicht jedoch den Wahlkampf. Der Spiegel beobachtete erst kürzlich, dass die Klimakrise nicht im Mittelpunkt des Rennens um das Kanzleramt stehe, sondern Plagiatsvorwürfe und das Gendersternchen (Der Spiegel, 11.08.2021).

Liegt das schlicht daran, dass der Wandel unserer Sprache die Gesellschaft in großem Ausmaß interessiert?

Schließlich wurde auch auf Twitter Baerbocks Aussage heiß diskutiert. Die folgenden Beiträge befanden sich nach Engagement gemessen in den Top 25 Beiträgen in den untersuchten 30 Tagen und spiegeln die Rolle Genderns im Wahlkampf und auch den Unmut, ob es keine anderen Themen gebe, die im Fokus des Wahlkampfs stehen sollten, wider. Es zeigt, wie gespalten die Auffassung der Bevölkerung zu dem (Wahlkampf)-Thema gendergerechte Sprache ist.

Gendergerechte Sprache

Gendergerechte Sprache

Gendergerechte Sprache

Geben die Medien einer gesellschaftlichen Debatte die Präsenz, die sie verdient? Ermöglichen sie damit einer gesellschaftlichen Diskussion einen Weg ins politische Programm – auch wenn die Twitteranalyse weder den Wunsch der Gesellschaft noch den Erfolg bei den Politiker:innen aufzeigen kann?

Fokus auf einzelne Personen

 

Fazit ist, nur Baerbock und Ploß haben „gendergerechte Sprache“ von sich aus mit dem Wahlkampf in Verbindung gebracht. Wagenknecht hat sich in ihrer Äußerung nicht auf ein Wahlkampfthema bezogen, sondern viel mehr Kritik an ihrer eigenen Partei geäußert. Und andere Spitzenpolitiker wie Armin Laschet oder Olaf Scholz äußern sich nur auf Nachfrage zu diesem Thema.

Auch wenn der Ursprung von gendergerechter Sprache als Wahlkampfthema in der Aussage Ploß‘ gefunden werden kann, stammt der Fokus auf Gendern in der Berichterstattung eher aus den Medien als aus der Politik.

Es wird spannend, zu sehen, ob sich in der medialen Berichterstattung etwas ändert, nachdem der Spiegel nun selbst kritisch hinterfragte, warum der Wahlkampf von Kontroversen über Gendersternchen dominiert werde. Am Ende bleibt die Frage, ob man Berichterstattung auf sogenannte harte politische Themen konzentrieren oder ob Medien gesellschaftlichen Debatten einen Raum im Wahlkampf schaffen sollten.