10 Jahre re:publica: von alter Digital-Elite und den Vermarktern der Zukunft

10 Jahre re:publica: von alter Digital-Elite und den Vermarktern der Zukunft
#rpTEN – 10 Jahre re:publica. Das bedeutet zehn Jahre Austausch und Diskussion zu Netzpolitik, Digital Marketing, (Netz-)Technologie, der digitalen Gesellschaft und (Pop-)Kultur. Das bedeutet im zehnten Jahr aber auch, Interaktivität, Engagement und die Wechselwirkung zwischen Konsumenten und Medium noch deutlicher zu gestalten: TEN ist NET. Besucher sind Speaker, Gäste sind Akteure.

re:publica: größer, lauter, gleich(er)

Mit geschätzt über 8.000 Besuchern, 11 Stages, einer eigenen Networking-Area, einer Exhibition Area und einer Labore:tory Exhibition Area – sprich mit etwa 10.000 Quadratmetern mehr Fläche – wird die #rpTEN mit Abstand die größte Ausgabe der Digital- und Netzpolitikkonferenz. Blickt man allerdings auf das große Ganze, wird ebenso schnell klar: Hier jährt sich auch das Klassentreffen der (Wannabe-)Digital-Elite.

Das muss nicht unbedingt etwas Schlechtes bedeuten! Die immer wiederkehrenden Themen auf den Bühnen haben durchaus ihre Daseinsberechtigung. Netzpolitik in Form von Datenschutz und Privatsphäre, aber auch (Online-)Rechtsextremismus, Digital Marketing mit neuen Tools und Plattformen, sowie neue Möglichkeiten mit Video, Virtual und Augmented Reality für die digitale Gesellschaft und (Pop-)Kultur. Der erste Tag hat daher einen schönen Überblick geliefert über das, was in den kommenden zwei Tagen (hoffentlich) noch vertieft wird.

Identifizieren, Isolieren, Ächten

Betrachtet man einmal die Metaebene der Kernthemen, werden die Hauptaugenmerke der Speaker schnell deutlich. Scrollt man sich durch das Programm, so taucht das Thema „Hass im Netz“ in regelmäßigen Abständen auf. Zum Beispiel das Eröffnungspanel „Gesellschaft – it’s broken, let’s fix it“, in dem sich Beitragende aus Medien, Kultur und sozialem Engagement eindeutig gegen Rechtsextremismus, rechtsgesinnte Trolls und Hate Speech positionierten.

Gefehlt hat mir allerdings von fast allen eine klare Ansage, sich nicht nur für den Kampf dagegen auszusprechen, sondern in der Tat auch etwas dagegen zu tun. Alleinig Frank Richter, Direktor der Sächsischen Landeszentrale politische Bildung, sei m.E. hier zu nennen, der zum Ende des Panels einen klaren, wenn auch mutigen Dreierschritt aufzählte: die Menschen identifizieren, sie isolieren und gesellschaftlich ächten.

Datenschutz zwischen Alt und Jung

Besonders aufgefallen ist mir zudem ein Gap zwischen „Alt“ und „Jung“, wenn es um die Themen Datenschutz und Privatsphäre geht. Während die Alteingesessenen wie Markus Beckedahl, Gründer der re:publica und Chefredakteur von netzpolitik.org, weiterhin für den Erhalt bzw. Wiederaufbau der persönlichen Rechte im Netz plädieren, ist es den halb so Alten egal. Man könne ja eh nicht regulieren, wer welche Daten auf welchen Server speichere – ein resignierter Satz des 14-jährigen Snapchatters Joshua Arntzen, der seinem Publikum via Skype-Stream in „Snapchat für Erwachsene“ kurzerhand Funktionsweise und Vermarktungsansätze für die Zielgruppe ab 13 aufzeigte.

Digital Marketing im Heute

Viel wichtiger als die Diskussion um Privatsphäre und Co. sei nach ihm die Authentizität. Man merkt einfach, ob ein 50-jähriger IT-Profi snappt oder ein 20-jähriger Digital Native. Gutes Online-Marketing für Unternehmen kann also nur funktionieren, wenn sie entweder mit einflussreichen Snappern und Bloggern kooperieren, die die nötige Reichweite im Freundeskreis besitzen (denn die wenigsten folgen im News-Kanal tatsächlich gewillt Unternehmen), oder wenn diese Unternehmen nicht verstecken wer sie sind, sondern viel proaktiver und offener an die Sache herangehen.

Einen schönen Best Practice Case dazu zeigte Franziska Broich, ehemals im Social-Media-Team des EU Parlaments. Ihr Team kreierte Mitte 2015 einen Snapchat-Account, über den die Nutzer auch mit dem EU-Parlament kommunizieren können. Täglich können die inzwischen tausenden Follower auf zahlreiche Fotos und Videos blicken. Mit kleinen Quizzes, konkreten Fragen und unterhaltsamen Mitmach-Aktionen erschloss sich der in den Augen einer jungen Altersgruppe eher „eingestaubte Laden“ eine beachtliche neue Zielgruppe – Tendenz steigend.

Wer also am Puls der Zeit bleiben möchte, darf sich von Entwicklungen wie diesen nicht abschrecken lassen. Und jeder muss damit rechnen, dass es schon bald die neue, bessere Plattform gibt, zu der dann alle strömen. Im Moment ist Snapchat einfach die Plattform für die junge, interessierte und konsumorientierte Zielgruppe. In ein, zwei Jahren jedoch wird es eine neue geben und sie werden dahin ziehen. Jeder, der diese Zielgruppe also erschließen möchte, muss im Heute agieren und darf nicht dem Gestern noch hintertrauern.